Ortenauer Hilfsverein „Aufschrei“ hilft in Oberharmersbach
07.01.2024 |
Pressebericht des Offenburger Tageblattes
Bundesweit sorgten die Missbrauchsfälle in Oberharmersbach für Schlagzeilen. Auch rund 33 Jahre, nachdem die Anschuldigungen an dem katholischen Pfarrer Franz B. erstmals zur Sprache kamen, sind sie stets präsent. Bei der Aufarbeitung der Oberharmersbacher Missbrauchs-Tragödie spielt der Ortenauer-Hilfsverein, für den „Leser helfen“ Spenden sammelt, eine wichtige Rolle. Wie auch für zahlreiche andere Hilfesuchende in der Ortenau, die sexuellen Missbrauch erlebt haben.
Bei der Aufarbeitung der Oberharmersbacher Missbrauchsfälle in der Pfarrkirche spielt der Ortenauer Hilfsverein „Aufschrei“ eine wichtige Rolle. „Leser helfen“ unterstützt ihn auch dabei.
Unter anderem hier, im Altarraum der katholischen Pfarrkirche Oberharmersbach, fand der Missbrauch statt. Deshalb wurde der alte Altar abgebaut, daraus ein Gedenkstein gehauen und als öffentliches Mahnmal im Seitenschiff der Sankt-Gallus-Kirche aufgebaut. Ein neuer, filigraner und durchsichtiger Altar – siehe Foto − soll heute „Transparenz vermitteln“. ©Christoph Breithaupt
Pfarrer Franz B. missbrauchte in Oberharmersbach von 1968 bis 1991 Ministranten schwer und systematisch über Generationen hinweg. Die genaue Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist nicht ermittelt. Nachdem ein anderer Pfarrer dies bemerkte und drohte, die Sache öffentlich zu machen, beantragte Pfarrer B. 1991 seinen Ruhestand. Der damalige Personalreferent Robert Zollitsch genehmigte die Versetzung in ein Seniorenzentrum, mit der Auflage, sich von Kindern fernzuhalten. Von der Gemeinde Oberharmersbach wurde der scheidende Geistliche zum Ehrenbürger ernannt.
1995 zeigte Raphael Hildebrandt, ehemaliger Ministrant und Missbrauchsopfer, den Pfarrer an. Kurz nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen aufnahm, gab der Geistliche seine Ehrenbürgerwürde zurück und nahm sich das Leben. 1995 wurde die Gemeinde erstmals offiziell während eines Gottesdienstes über die Vorfälle informiert. Ob die sexuellen Übergriffe vorher publik waren, ist nicht bekannt. Wie zwei Gymnasiastinnen der „Klosterschulen Unserer Lieben Frau“ in Offenburg für ihre Seminararbeit recherchierten, sei der Pfarrer in der Erzdiözese jedoch als „Bubepfarrer“ bekannt gewesen.
Die katholische Kirchengemeinde Seelsorgeeinheit Zell a. H. ist dabei, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Aufgrund des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen wurde zudem „S.t.a.r.k!“ gegründet, um ein unterstützendes Konzept zu deren Schutz in der Raumschaft Zell a.H., Nordach, Biberach und Oberharmersbach zu erarbeiten und umzusetzen. Ziel des im Jahr 2013 gegründeten Vereins ist es, Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise zu stärken, den Schutz vor sexualisierter Gewalt, Missbrauch und Verletzung der Kinderrechte zu verbessern sowie innerhalb von Kindergärten, Schulen, Vereinen und Institutionen der politischen und kirchlichen Gemeinden verbindliche Standards zum Thema Kinderschutz zu sichern und weiterzuentwickeln.
Wichtiger Partner ist sowohl dabei als auch in der generellen Aufarbeitung des Themas Missbrauch der Ortenauer Verein „Aufschrei“, der im Mittelpunkt der Aktion „Leser helfen“ der Mittelbadischen Presse steht und seine Beratungen intensivieren möchte. Beratend stehen die Fachleute von „Aufschrei“ auch den Betroffenen und Angehörigen aus Oberharmersbach als externe und unabhängige Kontaktstelle zur Seite. Personen können sich Rat holen oder auf anonyme Weise Botschaften an die Steuergruppe zur Situation in der Gemeinde und zum Pfarrhaus überbringen.
Die Zukunft des Pfarrhauses ist eines der Themen, denen sich die Steuergruppe zur Aufarbeitung des Missbrauchs widmet. „Beim ersten Treffen ging es emotional sehr hoch her“, erinnert sich Ansgar Horsthemke. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende der Seelsorgeeinheit Zell a.H., zu der auch Oberharmersbach gehört, ist Mitglied der Steuergruppe bei der auch die Vorstandsmitglieder von „S.t.a.r.k!“ sowie Vertreter und Vertreterinnen des Gemeindeteams Oberharmersbach und weitere Personen mitwirken.
Im Pfarrhaus, wie auch im Altarraum der Kirche, hat Missbrauch stattgefunden. Der alte Altar wurde im Rahmen der Altarraumerneuerung längst abgebaut, daraus ein Gedenkstein gehauen, der als öffentliches Mahnmal im Seitenschiff der Sankt-Gallus-Kirche steht. Ein neuer, filigraner und durchsichtiger Altar, „um somit Transparenz zu vermitteln“, ist inzwischen der Mittelpunkt des Gotteshauses. Weitere „runde Tische“ zum Pfarrhaus und dessen Zukunft soll es bald mit öffentlicher Beteiligung als Vorbereitung zur Bürgerversammlung geben, „um eine gute Lösung zu finden“.
Bei all den Diskussionen sei es jedoch wichtig, die Betroffenen im Blick zu haben, die Angehörigen, dabei speziell die Mütter, nicht außer acht zu lassen. „Deshalb sind wir sehr dankbar, dass es „Aufschrei“ gibt“, betont Horsthemke.
Seit den 1990er Jahren keimen die Oberharmersbacher Missbrauchsfälle immer wieder auf. Nachdem Raphael Hildebrandt an die Öffentlichkeit gegangen war, habe es unterschiedliche Reaktionen geben. Von Verständnis und Anerkennung bis hin zu Ablehnung und persönlichen Angriffen. „Die Missbrauchsfälle spaltete das Dorf in unterschiedliche Lager: Einige wollen an die Öffentlichkeit gehen und unterstützen, andere es lieber ruhen lassen, wieder andere behaupteten, dass da doch überhaupt nichts passierte, es ein Feldzug gegen den Pfarrer sei.“
Es habe ab dem Jahr 2010 einiges an Pionierarbeit in absolutem Neuland erfordert, bis sich „S.t.a.r.k!“ drei Jahre später offiziell als gemeinnütziger Verein gründete. Gespräche mit dem Erzbischof und Vertretern des Ordinariats, der Versuch „die Dinge“ zu strukturieren und ansprechen zu können, vor allem aber die Frage, wie den Betroffenen Hilfe zukommen kann, standen an. Zu den Wegbereitern gehörten damals Judith Müller und Bruder Stephan von den Kapuzinern. Dies ist ein Weg, der noch lange beschritten werden muss. „Das heißt nicht, dass wir damit jemanden bewusst verletzen möchten, wenn wir die Missbrauchsfälle ansprechen“. Und eins sei dabei auch jedem seiner Mitstreiter klar: „So etwas ist nicht zu heilen, wir können jedoch Räume bieten, um die Sprachlosigkeit zu überwinden.“
Hilfe für Betroffene von sexueller Gewalt
Der Erzdiözese Freiburg ist es ein zentrales Anliegen, sexualisierte Gewalt aufzuarbeiten, weitere Übergriffe zu verhindern und in diesem Zusammenhang Hilfe zu leisten.
Aktuelle Informationen und Hilfsangebote finden Sie hier: www.ebfr.de/gegenmissbrauch.
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