Offener Brief des Betroffenenbeirates in der Erzdiözese Freiburg
25.10.2022 |
Welle der Ohnmacht ausgelöst: Betroffenbeirat fordert Robert Zollitsch zu aktivem Handeln auf
am 6. Oktober 2022 haben wir völlig unerwartet von Ihnen eine Mail erhalten, mit der Ankündigung, dass Sie sich noch am gleichen Tag mit einer öffentlichen Erklärung an den Betroffenenbeirat und die Katholikinnen und Katholiken wenden werden.
Mit unserer heutigen Antwort wollen wir Ihnen aufzeigen wie Ihr Video bei Betroffenen angekommen ist. Von vielen Betroffenen wurde es wie eine bedrohliche Machtdemonstration empfunden. Warum? Das zehnminütige Video platzte ohne adäquate Vorankündigung in das Leben von Betroffenen und hat bei ihnen eine Welle der Ohnmacht ausgelöst, die bis heute nicht durchbrochen werden konnte.
Sie haben Ihre Version der Wahrheit im Internet platziert, ohne die Möglichkeit eines Dialoges. In unseren Biografien wiederholt sich damit etwas. Als Kinder und Jugendliche haben wir schon einmal erlebt, dass mächtige Kirchenvertreter definieren was die Wahrheit ist, und unsere Perspektive weder gehört, noch ernst genommen wurde. Es geht uns nicht darum eine Gegenposition einzunehmen, sondern darum, unsere Perspektive dazu einzubringen, was im Erzbistum Freiburg in den letzten Jahrzehnten geschehen ist.
Im Gegensatz zu Ihnen haben wir weder einen Rechtsbeistand, noch juristische Berater. Wir haben unsere eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Kirche und mit der Wirkung, die der Umgang dieser Institution auf unser Leben hat. Sie haben uns und unsere Familien um Verzeihung gebeten. Was soll aus Ihrer Sicht die Grundlage für das Verzeihen sein?
Diese Bild hat uns sehr berührt, weil es greifbar macht, wie viele von uns Ihr Videostatement und Ihre Homepage empfinden. Wir finden es gut und richtig um Verzeihung zu bitten. Um in diesem Bild zu bleiben: Sie werden verstehen, dass sich die Verletzten auf der Straße verhöhnt fühlen, wenn Sie um Verzeihung bitten, bevor Sie die Unfallstelle geräumt und Erste Hilfe geleistet haben. Die Unfallopfer müssen Hilfe und Unterstützung erfahren, Zeit bekommen um zu genesen, und der Sachschaden behoben worden sein. Das ist bis heute nicht geschehen.
Sie kommen im Video zu dem Schluss, dass alles was Sie sagen und tun, immer unzureichend sein wird. Wenngleich wir diesen Gedanken nachvollziehen können, macht er uns wütend. Betroffene können es sich nicht leisten, sich der entlastenden Erzählung hinzugeben, dass man ohnehin nichts mehr wieder gut machen kann. Betroffene ringen jeden Tag ihres Lebens darum, es so gut wie irgend möglich zu machen, weil es anders nicht geht.
Und genau diese Erwartung haben wir an Sie ganz persönlich: setzen Sie all Ihre verfügbare Macht und Kraft ein, um Betroffene zu unterstützen. Es gibt immer etwas, was getan werden kann. Sie waren und bleiben im Erzbistum Freiburg ein Mann, der über viele Jahre in der mächtigsten Position war. Die Verantwortung für das, was unter Ihrer Leitung geschehen ist, liegt bei Ihnen. Sie formulieren die Hoffnung, dass ‚Kirche‘ die Betroffenen hören und ihnen helfen wird. Wer ist Kirche? Wer ist Kirche, wenn nicht der emeritierte Erzbischof? Auch diese Verantwortung lässt sich aus unserer Sicht nicht weiterreichen.
Wir sind sicher, dass Sie als emeritierter Erzbischof und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Bischofskonferenz eine Persönlichkeit sind, die über Macht und Mittel verfügt, um Betroffene zu unterstützen und auch Mitbrüdern zu zeigen, was die einzige Grundlage für Verzeihen ist: Der mühsam formulierten Bitte um Verzeihung kann einzig durch Taten Glaubwürdigkeit verliehen werden.
Der Betroffenbeirat veröffentlicht am 25.10.2022 einen offenen Brief an EB em. Robert Zollitsch und fordert ihn zu aktivem Handeln auf.
Sehr geehrter Herr Zollitsch,
am 6. Oktober 2022 haben wir völlig unerwartet von Ihnen eine Mail erhalten, mit der Ankündigung, dass Sie sich noch am gleichen Tag mit einer öffentlichen Erklärung an den Betroffenenbeirat und die Katholikinnen und Katholiken wenden werden.
Uns haben seit diesem Tag viele Reaktionen von Menschen erreicht, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren mussten und bis heute unter den Folgen leiden. Viele von ihnen leiden unter der Gewissheit, dass ihr Missbrauch zu verhindern gewesen wäre. Nicht wenige leiden unter der Tatsache, dass nach ihnen keine weiteren Kinder missbraucht worden wären, wenn kirchliche Verantwortungsträger ihnen geglaubt und angemessen gehandelt hätten.
Mit unserer heutigen Antwort wollen wir Ihnen aufzeigen wie Ihr Video bei Betroffenen angekommen ist. Von vielen Betroffenen wurde es wie eine bedrohliche Machtdemonstration empfunden. Warum? Das zehnminütige Video platzte ohne adäquate Vorankündigung in das Leben von Betroffenen und hat bei ihnen eine Welle der Ohnmacht ausgelöst, die bis heute nicht durchbrochen werden konnte.
Sie haben Ihre Version der Wahrheit im Internet platziert, ohne die Möglichkeit eines Dialoges. In unseren Biografien wiederholt sich damit etwas. Als Kinder und Jugendliche haben wir schon einmal erlebt, dass mächtige Kirchenvertreter definieren was die Wahrheit ist, und unsere Perspektive weder gehört, noch ernst genommen wurde. Es geht uns nicht darum eine Gegenposition einzunehmen, sondern darum, unsere Perspektive dazu einzubringen, was im Erzbistum Freiburg in den letzten Jahrzehnten geschehen ist.
Im Gegensatz zu Ihnen haben wir weder einen Rechtsbeistand, noch juristische Berater. Wir haben unsere eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Kirche und mit der Wirkung, die der Umgang dieser Institution auf unser Leben hat. Sie haben uns und unsere Familien um Verzeihung gebeten. Was soll aus Ihrer Sicht die Grundlage für das Verzeihen sein?
Erlauben Sie uns an dieser Stelle eine Betroffene zu zitieren, die im Erzbistum Freiburg als Kommunionskind zum ersten Mal Opfer von sexueller Gewalt durch einen Priester wurde: „Ich habe das Video gesehen und mich völlig ohnmächtig gefühlt. Für mich fühlte es sich so an, als wäre Zollitsch an einem Verkehrsunfall ursächlich beteiligt, bei dem es mehrere Verletzte gibt. Während die Menschen verletzt auf der Straße liegen, geht er auf sie zu und bittet um Verzeihung. Er hat vielleicht irgendwann einen Notruf abgesetzt, aber er kümmert sich nicht um die Menschen, die offensichtlich verwundet sind und Hilfe brauchen.“
Diese Bild hat uns sehr berührt, weil es greifbar macht, wie viele von uns Ihr Videostatement und Ihre Homepage empfinden. Wir finden es gut und richtig um Verzeihung zu bitten. Um in diesem Bild zu bleiben: Sie werden verstehen, dass sich die Verletzten auf der Straße verhöhnt fühlen, wenn Sie um Verzeihung bitten, bevor Sie die Unfallstelle geräumt und Erste Hilfe geleistet haben. Die Unfallopfer müssen Hilfe und Unterstützung erfahren, Zeit bekommen um zu genesen, und der Sachschaden behoben worden sein. Das ist bis heute nicht geschehen.
Es reicht nicht aus, dass Sie Ihrer persönlichen Verantwortung im Erzbistum Freiburg Ihre Verdienste auf Ebene der Bischofskonferenz gegenüberstellen. Für Betroffene fühlt sich das an, als würden Sie Ihren Blick von der Unfallstelle abwenden. Sie waren viele Jahre als Personalreferent und als Erzbischof einer der mächtigsten Männer in diesem Erzbistum. Sie hatten als Erzbischof eine Macht, aus der eine Verantwortung erwächst. Wir spüren Ihre Macht, aber wir vermissen Ihre Verantwortungsübernahme.
Sie kommen im Video zu dem Schluss, dass alles was Sie sagen und tun, immer unzureichend sein wird. Wenngleich wir diesen Gedanken nachvollziehen können, macht er uns wütend. Betroffene können es sich nicht leisten, sich der entlastenden Erzählung hinzugeben, dass man ohnehin nichts mehr wieder gut machen kann. Betroffene ringen jeden Tag ihres Lebens darum, es so gut wie irgend möglich zu machen, weil es anders nicht geht.
Und genau diese Erwartung haben wir an Sie ganz persönlich: setzen Sie all Ihre verfügbare Macht und Kraft ein, um Betroffene zu unterstützen. Es gibt immer etwas, was getan werden kann. Sie waren und bleiben im Erzbistum Freiburg ein Mann, der über viele Jahre in der mächtigsten Position war. Die Verantwortung für das, was unter Ihrer Leitung geschehen ist, liegt bei Ihnen. Sie formulieren die Hoffnung, dass ‚Kirche‘ die Betroffenen hören und ihnen helfen wird. Wer ist Kirche? Wer ist Kirche, wenn nicht der emeritierte Erzbischof? Auch diese Verantwortung lässt sich aus unserer Sicht nicht weiterreichen.
Wir sind sicher, dass Sie als emeritierter Erzbischof und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Bischofskonferenz eine Persönlichkeit sind, die über Macht und Mittel verfügt, um Betroffene zu unterstützen und auch Mitbrüdern zu zeigen, was die einzige Grundlage für Verzeihen ist: Der mühsam formulierten Bitte um Verzeihung kann einzig durch Taten Glaubwürdigkeit verliehen werden.
Unser konkreter Vorschlag an Sie lautet:
- Gründen Sie eine Stiftung. Sammeln Sie alle Gelder ein, die Sie einsammeln können. Lassen Sie das Geld an die Betroffenen in Ihrem Bistum ausbezahlen. Jährlich und zu gleichen Teilen. Wir alle wissen, dass Geld keine Traumata heilt, doch wir alle wissen, dass das, was Traumata heilen lässt, Geld kostet.
- Rufen Sie Menschen auf, Ihre Stiftung zu unterstützen: alle jene, die eine Mitverantwortung haben oder sich mitverantwortlich fühlen. Ebenso diejenigen, die Betroffene unterstützen möchten aber nicht wissen wie sie es umsetzten können. In Ihrer Stellungnahme betonen Sie, nie allein gehandelt und entschieden haben. Fordern Sie alle noch lebenden Beteiligten auf, sich Ihnen anzuschließen.
- Benennen Sie: das System Kirche hat in den vergangenen Jahrzehnten viel daran gesetzt, um Missbrauch zu vertuschen. Betroffene Kinder und Jugendliche hatten keine wirkliche Chance die Täter gerichtlich oder außergerichtlich zu belangen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir rückblickend sagen: „Kinder hatten keine Chance einen kirchlichen Missbrauchstäter anzuzeigen. Das Machtsystem der Kirche war größer.“
- Aktuell werden Sie vermutlich von Rechtsanwälten und Medienexperten beraten. Ihre Homepage bietet eine Kontaktmöglichkeit für Pressevertreter/innen, verweist jedoch an keiner Stelle auf Kontakt- oder Hilfemöglichkeiten für Betroffene. Wir schlagen Ihnen eine Kursänderung vor: Lassen Sie sich von Menschen beraten, die Ihnen helfen die Perspektive von Betroffenen zu berücksichtigen: Traumatherapeut/innen, Ansprechpersonen, Betroffenenvertrer/innen… Tragen Sie Sorge dafür, dass weitere Stellungnahmen nicht erneut traumatisieren.
- Wenden Sie sich an die amtierenden Bischöfe der Deutschen Bischofskonferenz. Benennen Sie welche Fehler Sie identifizieren können und fordern Sie die amtierenden Bischöfe bundesweit auf, Betroffene mehr zu unterstützen und schneller Erkenntnisse aus der Aufarbeitung umzusetzen. Durch den, wie Sie es formulieren, ‚naiven‘ und ‚arglosen‘ Umgang mit dem Thema, ist Betroffenen der Zugang zu staatlichen Hilfesystemen in weiten Teilen verwehrt geblieben. Schmerzensgeldzahlungen erkennen diesen Teil des Schadens nicht an. Für Ihren formulierten Wunsch, dass Betroffenen Anerkennung und Hilfe durch die Kirche erfahren, ist die Anerkennung dieser Tatsache notwendig.
- Tragen Sie aktiv dazu bei, dass Aufarbeitung nicht der endlose Prozess wird, in dem wir gerade sind. Tun Sie alles um das aufzuklären, was Sie aufklären können.
- Erkennen Sie an, dass es nicht die Betroffenen sind, die ihr Schweigen brechen müssen, sondern die Verantwortlichen in führenden Kirchenpositionen. Es ist eine Legende, dass Betroffene zu lange geschwiegen haben. Betroffene Kinder und Jugendliche haben gesprochen und haben Hilfe gesucht, doch sie wurden nicht gehört. Erkennen Sie an, dass viele Kinder zum Schweigen gebracht wurden.
Sie erklären Ihr Handeln damit, dass Sie Tätern eine zweite Chance geben wollten. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis wäre es angemessen dafür zu sorgen, dass Betroffenen zumindest eine erste Chance zuteil wird. Erlauben Sie uns, diesen Brief mit einer weiteren Aussage einer Betroffenen abzuschließen, die uns in diesen Tagen erreicht hat: “Eigentlich habe ich nur diese naiv wirkende Bitte, die vermutlich das ist, was die meisten Gläubigen von Herrn Zollitsch erwarten: Ich wünsche mir, dass Robert Zollitsch so handelt, wie Jesus es getan hätte.“
Wir schließen uns diesem Wunsch ausdrücklich an. Verzeihen ist für Betroffene frühestens dann möglich, wenn Sie alles getan haben, was in Ihrer Macht liegt. Aus genau dieser Haltung schreiben wir Ihnen diese Zeilen. Wir können nicht mehr tun, als unsere Stimme für die zu erheben, die es nicht können. Wir bieten Ihnen an, mit uns in einen Dialog zu treten und mit uns über die konkreten Vorschläge zu sprechen, die wir formuliert haben.
Wir schließen uns diesem Wunsch ausdrücklich an. Verzeihen ist für Betroffene frühestens dann möglich, wenn Sie alles getan haben, was in Ihrer Macht liegt. Aus genau dieser Haltung schreiben wir Ihnen diese Zeilen. Wir können nicht mehr tun, als unsere Stimme für die zu erheben, die es nicht können. Wir bieten Ihnen an, mit uns in einen Dialog zu treten und mit uns über die konkreten Vorschläge zu sprechen, die wir formuliert haben.
Mit freundlichen Grüßen,
die Vertreterinnen und Vertreter des Betroffenenbeirates
Julia Sander, Sprecherin des Betroffenenbeirates im Erzbistum Freiburg
die Vertreterinnen und Vertreter des Betroffenenbeirates
Julia Sander, Sprecherin des Betroffenenbeirates im Erzbistum Freiburg
Hilfe für Betroffene von sexueller Gewalt
Der Erzdiözese Freiburg ist es ein zentrales Anliegen, sexualisierte Gewalt aufzuarbeiten, weitere Übergriffe zu verhindern und in diesem Zusammenhang Hilfe zu leisten.
Aktuelle Informationen und Hilfsangebote finden Sie hier: www.ebfr.de/gegenmissbrauch.
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